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Aus Kapitel 4, "Passende Schuhe"

 

 


Es klopfte an Alexas Zimmertür. Sie schlüpfte schnell in den Bademantel und verrieb den letzten Rest Creme in ihren Händen, bevor sie die Tür öffnete. Vor ihr stand Paul Mauskowitz. "Geben Sie mir noch eine Chance. Bitte gehen Sie mit mir essen."

"Um eine zweite Chance muss wohl eher ich bitten", antwortete sie zerknirscht.

"Ist Ihnen schon gewährt. In einer halben Stunde unten im Restaurant?" Paul strahlte sie an und deutete auf seine Armbanduhr. "Es ist jetzt neunzehn Uhr."

"Na, gut - vielen Dank. Ich bemühe mich pünktlich zu sein." Lächelnd drehte sie sich um und schloss die Tür.

Auf die Minute pünktlich, was selten genug bei ihr der Fall war, betrat Alexa das Restaurant. Sie trug ein knöchellanges schwarzes Sommerkleid mit einem U-Bootausschnitt. Um die Hüfte hatte sie sich ein orange-gelb gemustertes Tuch gebunden. Die Sandaletten, die sie dazu trug, waren in den gleichen Tönen. Es war eine große Leidenschaft von ihr, immer die passenden Schuhe zu all ihren Kleidungsstücken zu finden. Zuweilen nahm diese Leidenschaft etwas überhand. Aber Alexa vertrat die Meinung, dass man sich auch mal eine Macke leisten durfte. Und einen dritten Schuhschrank. Zum Bersten voll.

"Schön, dass Sie gekommen sind." Überrascht wand sich Alexa nach rechts. Paul stand neben ihr und begrüßte sie.

"Ich habe in der Hotelhalle gewartet", klärte er sie auf. Ein Ober kam und zeigte ihnen den Tisch. Paul bot ihr Platz an und bestellte zwei Aperitifs. "Sie mögen das doch, oder?"

"Gerne, danke." Sie nickte ihm zu.

Der Ober reichte ihnen die Speisekarte und lies sie alleine. Paul klappte die Karte auf und sein Blick fiel direkt auf die Menuempfehlung. Ehe er zu lesen begann, holte er seine Lesebrille aus der Reverstasche und setzte sie auf. Es war ihm einen Augenblick lang peinlich. Was würde die junge Frau jetzt wohl denken? Schon so alt, dass er eine Brille brauchte? Okay, dass er keine vierzig mehr war, das war ihr bestimmt gestern Abend schon aufgefallen, überlegte er.

"Wie wäre es mit Spargel und einem Filet?" Er nahm die Brille wieder ab.

"Lassen Sie die Brille doch auf. Sie steht Ihnen sehr gut." Alexa schaute ihn unverwandt an.

Paul setzte die Brille erneut auf. "Meinen Sie wirklich?"

"Was meine ich wirklich?" fragte sie zurück.

"Na, ja, dass mir die Brille steht. Lesebrillen sind ja..."

"... etwas für ältere Herren?", beendete Alexa seinen Satz. Pauls Augenbrauen schossen nach oben.

"Herr Mauskowitz, ob mit oder ohne Brille, man sieht, dass Sie über fünfzig sind. Für mich ist das absolut unerheblich."

Er war einen Augenblick sprachlos und es entstand eine Pause.

"Wenn ich eine Frau wäre, würde ich jetzt empört aufstehen und gehen." Paul hatte sich wieder gefasst.

"Wenn Sie eine Frau wären, würde ich nicht so gerne mit Ihnen hier sitzen."

Mit einem Mal herrschte Stille am Tisch. Die Welt um sie herum zog sich zurück. Die Beiden sahen sich an und jeder Außenstehende, der auch nur einen Hauch Menschenkenntnis besaß, hätte es knistern hören können. Es verging fast eine Minute bis Paul seinen Blick von Alexa abwendete und dann in die Speisekarte sah. Lesen konnte er aber nichts, trotz Brille.

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Aus Kapitel 16 "Die Balkontür"

 

 


Alexa klopfte zweimal kurz an Pauls Zimmertür. Die Tür öffnete sich und Paul stand mit einladender Geste da.

"Komm bitte kurz herein. Ich muss noch eine halbe Seite Korrektur lesen und meiner Sekretärin faxen. Es dauert höchstens fünf Minuten." Er hatte zu lange geschlafen und über seiner Arbeit die Zeit vergessen. Zwar war er frisch geduscht und seine Anzugsjacke, Hemd und Krawatte lagen bereit, aber er war eben nicht wie eigentlich üblich, pünktlich fertig. Bewundernd sah er sie dabei an. Sie trug eine lange schwarze Hose mit weit ausgestellten Beinen und dazu eine Bluse, die in der Taille geknotet war. Als knalliger Farbtupfer hing ein breiter fuchsienfarbener, mit kleinen Perlen bestickter Schal leger über ihren Schultern. Paul warf einen Blick auf die Schuhe. Schwarz mit fuchsienfarbenen Perlen.

"Ich warte vielleicht besser unten am Empfang!" Sie schaute dabei erst auf sein T-Shirt und dann in sein Gesicht.

"Ach, bleib doch hier. Ich bin wirklich gleich fertig und mein Hemd habe ich schnell übergezogen. Es liegt alles bereit."

"Entschuldige. Konnte man - nein, ich sollte sagen: konntest du wieder lesen, was ich gerade dachte?" Sie sah ihn fragend und zugleich belustigt an. Ihr kritischer Augenaufschlag war ihm nicht entgangen. Wobei es in diesem Fall nicht allzu schwer gewesen war. Sie hatten sich für 20.00 Uhr verabredet und nun war es bereits viertel nach. Bei so viel Verspätung, hatte sie erwartet, dass Paul fertig angekleidet hinter der Tür stünde und sie beide sofort losgehen konnten.

"Manchmal kannst du dein Missfallen einfach nicht unterdrücken. Und mein T-Shirt ist bei Leibe keine Kritik wert. Das wurde mit Liebe und einem exzellenten Geschmack ausgesucht. Oder wolltest du mich damit entstellen?"

Er tippte dabei mit seinem Zeigefinger auf ihr Dekollete und schnippte dann von unten an ihr Kinn. "Meine sachkundige Modeberaterin." Damit drehte er sich um und schob einen der beiden kleinen Sessel mit Schwung auf sie zu.

"Setzt dich doch. Nimm dir einen Schluck Roten. Er wird dir schmecken."

Ohne auf Alexas Antwort zu warten, nahm Paul hinter dem kleinen Schreibtisch Platz und vertiefte sich in die vor ihm liegenden Blätter. Mit einem Stift fuhr er Zeile für Zeile, die er lass, nach.

Alexa schenkte sich einen Fingerbreit Wein ein. Im Sessel sitzend schwenkte sie den Rotwein leicht im Glas und schaute dabei den Schlieren zu, die am Rand zäh hinab rannen. Sie genoss die Situation. Gelassen und zufrieden wirkte die Atmosphäre auf sie. Durch das Glas hindurch schaute sie auf Paul und grinste vor sich hin. Sein Kopf ging in die Breite und sein Hals war verschwunden.

Mit einem lauten Summton meldete sich das Telefon und Paul nahm wieder Gestalt an.

 

"Mauskowitz." Paul hatte ohne aufzusehen nach dem Hörer gegriffen.                  

"Ja, ich bin dran. Wo bist du denn?" Er hatte den Kopf gehoben und drehte sich zum Fenster. Alexa sah über ihr Glas hinweg sein Profil. Seine Augenbrauen hoben sich und sie schloss daraus, dass er keine Freude an dem Gespräch haben würde.

"Ich komme nächste Woche nach Hause." Für einen Moment war es still. Paul klopfte mit dem Stift auf die Kante des Schreibtisches.

"Hanne, wenn du dich schon entschieden hast, brauchst du mich auch nicht zu fragen." Es entstand eine kurze Pause. "Nein, ich schreie nicht." Wütend warf Paul den Stift auf den Schreibtisch. Er schlitterte erst über ein Blatt und sauste dann auf den Rand zu. Alexa sprang auf und grapschte den Stift, bevor er zu Boden fallen konnte. Im selben Augenblick fiel ihr Sessel wie in Zeitlupe um und landete mit einem lauten Krachen an einem Glastischchen.

Jäh erschrocken richtete Paul seinen Blick auf Alexa.

"Wer soll denn hier sein? Das ist die Balkontür gewesen. Es ist Wind aufgekommen und jetzt ist sie zugeflogen." Er war aufgestanden, hatte sich von Alexa abgewandt und fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft herum, als wolle er seiner Aussage Nachdruck verleihen. Alexa stand seitlich vor ihm und hielt noch immer den Stift in der Hand.

Pauls Stimme hatte an Schärfe zugenommen. "Dann brauche ich auch gar nicht nach Hause zu kommen. Da kann ich gleich nach Waldhausen...! Was soll das heißen? Du legst doch seit Jahren keinen Wert auf gemeinsame Wochenenden. Wer fährt denn lieber..." Erneut wurde er von seinem Gegenüber am Telefon unterbrochen. Es folgte ein langer und heftiger Wortwechsel. "Wir streiten doch sowieso nur - nein Hanne, das liegt nicht nur an mir." Paul warf den Hörer auf die Gabel und drehte sich zu Alexa.

Der Raum war leer. Er hatte nicht bemerkt, wie sie das Zimmer verlassen hatte. Entsetzt blickte er zu dem Sessel, der noch immer umgekippt an dem Glastischchen lehnte, dann ging er zur Zimmertür, öffnete sie und rief ihren Namen in den Hotelflur. Der Flur war leer. Ins Zimmer zurückgekehrt, wählte er Alexas Nummer. Sie meldete sich nicht. Es entfuhr ihm ein lautes "Scheiße" und seine Handflächen wurden feucht.

Nervös holte er eine Zigarette aus der Schachtel, die auf seinem Bett lag. Den Rauch zog er tief ein. Dann nahm er im Vorbeigehen den Zimmerschlüssel und eilte über die Treppe zum Empfang. Die Hotelhalle war bis auf zwei ältere Damen leer.

"Guten Abend." Es bereitete Paul Mühe, freundlich und ruhig zu wirken, als er die junge Frau hinter dem Tresen nach Alexa fragte.

"Guten Abend Herr Mauskowitz, Frau Meinecke lässt Ihnen ausrichten, dass sie schon zu Fuß vorgegangen ist." Mit einem netten Lächeln überbrachte sie ihm die Nachricht.

"Danke, vielen Dank", erleichtert seufzte er. "Bestellen Sie mir bitte ein Taxi."

Das Taxi fuhr entlang des Kurparks, damit Paul nach Alexa Ausschau halten konnte. Eigentlich konnte sie noch nicht weit sein, aber vielleicht hatte sie sich auch selbst ein Taxi genommen und stand bereits vor der Stadthalle. Er erinnerte sich an ihre Schuhe und kam zu dem Schluss, dass sie längst auf ihn wartete. Als das Taxi am Haupteingang ankam, überfiel Paul eine Unruhe, die er sich auszureden versuchte. Er zahlte und begab sich dann schnellen Schrittes zum Eingang. Da es schon recht spät war, stand nur noch eine leicht überschaubare Menge Menschen vor dem Gebäude. Alexa war nicht unter ihnen. Im Foyer waren erheblich mehr Besucher und es bereitete Paul Mühe sich einen Überblick zu verschaffen. Er ging davon aus, dass Alexa an einem markanten und gut zu überschauenden Punkt auf ihn warten würde. Er wählte den Treppenaufgang um sie zu finden. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sie nicht entdecken. Dass Alexa bereits im Saal war, schloss Paul aus, da er beide Karten in der Sakkotasche hatte.

Während er von seinem Standort aus weiterhin über die immer kleiner werdende Besucherschar schaute, ertönte ein Gong und der Beginn der Veranstaltung in wenigen Minuten wurde angekündigt. Paul konnte seine Unruhe nicht mehr verleugnen. War sie doch zu Fuß unterwegs? Er schüttelte den Kopf. Auch wenn sie die Strecke zu Fuß zurückgelegt hatte, musste sie längst hier sein. Durch den Kurpark war der Weg kürzer. War ihr etwas geschehen?

"Idiot", sagte er laut zu sich selbst als ihm endlich einfiel, dass er sie nur anzurufen brauchte. Er wählte ihre Mobiltelefonnummer und stellte sich darauf ein, dass sie im nächsten Moment mit dem Handy in der Hand lachend vor ihm stand.

"Hier ist der Anrufbeantworter des Mobilanschlusses von Alexa Meinecke. Bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht. Herzlichen Dank." Etwas konfus fragte Paul, wo sie denn sei, die Veranstaltung ginge gleich los. Genervt steckte er das Telefon wieder weg und eilte durch das Foyer nach draußen. Mittlerweile war es fast dunkel und lediglich ein paar Jugendliche standen vor der Tür. Ein Taxi fuhr noch vor und Paul hoffte Alexa würde aussteigen, aber es waren nur zwei Jungs, die von Freunden begrüßt wurden und mit ihnen verschwanden.

Paul betrat erneut das Foyer. Er fragte an der Abendkasse, ob eine Nachricht für ihn hinterlegt sei und ging bis zu den einzelnen Saaleingängen. Er erkundigte sich, ob eine junge Frau ohne Karte um Einlass gebeten hatte. Vergeblich. Paul wurde es mulmig zu Mute.

Der Gong ertönte erneut und die Türen wurden geschlossen. Drinnen brandete Applaus auf und geschlagen trabte Paul zum Ausgang. Er wählte erneut Alexas Nummer, erreichte aber wieder nur den Anrufbeantworter. Als letztes fiel ihm das Hotel ein.

Der Nachtportier reagierte auf Pauls Nachfrage mit einem nervösen Stottern: "Frau Meinecke, ja, ähm, aber sie ist doch..." Jemand unterbrach den Portier. "Nein, Herr Mauskowitz, ja, ich weiß nicht, wo sie ist." Herr Seebacher beendete das Gespräch mit einem "Gute Nacht" und legte auf.

Zum zweiten Mal an diesem Abend rutschte Paul das Wort "Scheiße" heraus. Er wusste, dass irgendetwas nicht stimmte, aber was?

Im Laufschritt machte er sich auf den Weg ins Hotel und suchte dabei im Vorbeigehen den Kurpark ab. Dass Alexa etwas zugestoßen war, hielt er für unmöglich. Immer mehr drängte sich das Gespräch mit Hanne in den Vordergrund und er fragte sich wie viel Alexa davon gehört hatte.

Als Paul das Hotel betrat, verschwand Herr Seebacher blitzschnell von seinem Posten und zischte seiner jungen Kollegin zu: "Der Mauskowitz kommt. Elke, mach du das!"

Schnurstracks steuerte Paul auf den leeren Tresen zu und schlug ungeduldig auf die Glocke.

"Guten Abend, Herr Mauskowitz." Überfreundlich begrüßte die junge Frau ihr Gegenüber. Sie verfluchte ihren Kollegen, der im Büro saß.

"Guten Abend. Ich war mit Frau Meinecke in der Stadthalle verabredet und habe sie wohl verpasst. Haben Sie sie gesehen, oder hat sie eventuell eine Nachricht für mich hinterlassen?"

Elke Brand kniff die Lippen zusammen und sah ihr Gegenüber traurig an. "Ja, Herr Mauskowitz, Frau Meinecke hat diesen Brief hier für Sie abgegeben." Sie hielt ihm ein Kuvert hin und hätte Paul am liebsten zum Trost umarmt.

Paul stand da und fühlte wie sein Herz zu rasen begann und seine feuchten Hände jäh zitterten. Für einen Moment schloss er die Augen und flüsterte dann kopfschüttelnd: "Ax, Ax, Ax." Wie in Trance nahm er den Brief und riss ihn mit bloßen Fingern auf. Er fingerte den Briefbogen heraus und ließ den Umschlag einfach fallen.

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Aus Kapitel 33, "Die Ringelblumen"

 

 


Am kurz geschnittenen Gras und den Fähnchen, die hinter künstlich angelegten Hügeln hervorlugten und im Wind leicht flatterten, war ein Golfplatz zu erkennen. Sannser Hof 18-Lochplatz las Alexa am Rande auf einem Schild. Einzelne Spieler, umgeben von zwei oder drei Mitspielern standen am Abschlag und schwangen den Golfschläger mehrmals hin und her bis sie zum Schlag ausholten, und dann mit ihrem Blick dem Ball folgten. Andere zogen auf dem Weg zum nächsten Loch in kleinen Grüppchen ihre Wägelchen hinter sich her. Eine Vielfalt karierter Hosen, in denen mehr oder weniger passende Figuren steckten, bestimmte das Bild. Nicht standesgemäß gekleidete Spieler waren kaum auszumachen.

Die Straße trennte den Platz von Clubhaus und Übungsplatz. Eine entsprechende Beschilderung erinnerte an eine angepasste Geschwindigkeit und erhöhte Aufmerksamkeit für Fußgänger. Auf der Terrasse des Clubhauses herrschte reger Betrieb.

"Wollen wir da einen Kaffee trinken?" Paul deutete hinüber.

"Ach nee, ich stehe nicht so auf karierte Hosen."

"Hier spielen einige meiner Nachbarn. So schlimm kann es also nicht sein."

"Trotzdem!" Sie sah ihn dabei an und legte den Kopf leicht schief.

Sie erfuhr dann, dass die Betreiber des Feriendorfes gleichzeitig den Golfplatz unterhielten. Die Bewohner vom Gönzer Berg konnten zu besonderen Bedingungen hier oben spielen. Zwei von Pauls Nachbarn waren seit der Eröffnung vor anderthalb Jahren Mitglieder. Ihre Versuche, Paul zum Spiel zu überreden, waren bis jetzt vergeblich gewesen.

In den letzten Wochen hatte er allerdings schon ab und an mit dem Gedanken geliebäugelt. Im Hinblick auf die viele Freizeit, die er auf sich zukommen sah, schien ihm die Überlegung jedoch nicht mehr so abwegig. Aber zum einen suchten Neudert und Sommer noch immer in den Krümeln und zum anderen war er nicht der Typ, der in die Zukunft träumte. Er lachte innerlich schrill auf und korrigierte  sich: Du träumst seit Bad Kressbich doch nur noch in die Zukunft.

Nachdem sie den Golfplatz passiert hatten, entschieden sie, auf direktem Weg zum Freibad zu fahren. Mit etwas Glück würde es auch dort einen Espresso geben.

Streuobstwiesen und abgeerntete Felder folgten auf grüne Weiden. Die Landschaft wirkte aufgeräumt und friedlich. Nach dem Wechsel auf die Bundesstraße nahm der Verkehr zu, und der Volvo reihte sich in den sonntäglichen Ausflugsverkehr ein. Das ungestörte Fahren von eben auf der Kreisstrasse war vorbei und trotz der Tatsache, dass sie ja alle Zeit der Welt zu haben schienen, störte sich Alexa am Wagen vor ihnen, dessen Fahrer anscheinend über noch mehr Zeit verfügte.

Paul berührte leicht Alexas Oberschenkel: "Wir biegen sowieso gleich wieder ab!"

Hinter einer leichten Linkskurve zweigte ein geschotterter Weg zum Bad ab. Große Pappeln säumten die Strecke und auf dem kleinen Parkplatz, der fast zur Hälfte belegt war, stellten sie das Auto ab.

Das Tor stand weit offen. Es gab ein hellgelb gekalktes Kassenhäuschen, das allerdings verwaist war. Stattdessen saß ein Mann, den Alexa irgendwo knapp über sechzig einschätzte, an einem Campingtisch. Zum Trägerunterhemd trug er eine blaue kurze Hose, auf die an den Seiten diverse Abzeichen genäht waren. Im Mund hatte er eine Meerschaumpfeife. Vor sich auf dem kleinen weißen Tisch lag ein Blatt Papier, auf das er jetzt zwei Striche machte und dann den Kopf hob.

"Zwei Mal! Zusamme?" Die Pfeife klebte an der Unterlippe und tanzte mit deren Bewegungen nach oben und wieder herunter. Dabei blinzelte der Mann in die Sonne und um seine Augen bildeten sich tiefe Runzeln. Paul nickte und holte sein Portemonnaie aus der Hosentasche.

"Fünf Makk!" Die Pfeife tanzte wieder und die Hand, die eben noch die Strichliste geführt hatte, riss die Eintrittskarten ab. "Schee Wetter zum Bade. S'bleibt die ganz Woch noch so!"

Alexa musste sich beherrschen. Allein das Mienenspiel des Mannes ließ sie schon grinsen, aber die Aussprache, die wohl auch ohne das Meerschaumimplantat gewöhnungsbedürftig war, gaben ihr den Rest. Und nun wanderte die Pfeife auch noch Stückchen für Stückchen, in kleinen Schritten vom linken in den rechten Mundwinkel. Dort angekommen sackte die Lippe ein wenig ab und die Pfeife kam vorübergehend zur Ruhe. Das war zu viel für Alexa. Sie drehte sich weg.   

Geld und Karten wechselten den Besitzer und Paul reichte Alexa mit einem vielsagenden Blick eine davon.

"Wo möchtest du dich hinlegen?" Jetzt erst nahm sie die Umgebung richtig wahr und ein kindliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wie schön es hier war.

ZACK! Sie zuckte zusammen. Hinter ihr waren die fünf Mark in der Kasse gelandet und der Deckel der kleinen Geldkassette mit Schwung zugeflogen. Deckel zu - Affe tot, schoss es ihr durch den Kopf.

"Und wohin?" Ehe sie antworten konnte, lag Pauls Arm auf ihrer Schulter und er dirigierte sie an einem eingeschossigen Backsteinbau vorbei zur Liegewiese. Das Schwimmbad war in die leichte Hanglage eingefügt und über eine ausgetretene, breite Waschbetontreppe gelangten sie auf den Rasen. Neben einer Trauerweide fristete eine orange angestrichene Parkbank ihr Dasein. Mindestens zwei Generationen der Dorfjugend mussten auf dieser Bank im Schutz der herunter hängenden Zweige ihre ersten Küsse ausgetauscht haben. Wenn der Baum im Hochsommer seine volle Blätterpracht trug, machte er jedem schweren Theatervorhang Konkurrenz. Jetzt hatte der Trauerweide allerdings der trockene Sommer zugesetzt und sie sah sehr zerzaust aus. Andererseits gab sie so den Blick auf die große, bläulich schimmernde Wasserfläche und ein dahinter liegendes kleines Planschbecken mit Rutschbahn frei.

Das Schwimmerbecken war bei etwa zwei Drittel der Länge mit einem Seil, auf das Styroporteile aufgezogen waren, vom Nichtschwimmerbereich abgetrennt. An das Seil war mit einem schwarzen, breiten Gummiband ein leuchtend gelber Dinosaurier angebunden. Eine Handvoll Jungen und Mädchen boten all ihre Kräfte auf, um das Gummitier, das auf dem Rücken lag, wieder aufzurichten.

Im größeren Teil zogen mehrere Frauen und zwei Männer ihre Bahnen. Wenn sie sich begegneten, wichen sie sich aus und nickten sich zu.

"Viel Platz ist da für uns leider nicht mehr", stellte Paul fest.

Alexa hatte eine Decke auf der Bank ausgebreitet und sah sich nach einer Uhr um. Am Eingangsbereich, neben dem ungenutzten Kassenhäuschen zeigte eine mit einer Bluna - Reklame unterlegte Uhr die Zeit an.

"Zwanzig vor Zwölf! Keine Bange, Paul. Das ist die Hausfrauenfraktion, die ist in allen Bädern gleich und muss jetzt bald heim an den Herd. Es ist immerhin Sonntag."

"Keine voreiligen Schlüsse; hier gehen die Uhren anders."

"Aber man zieht sich hier doch noch in Kabinen um?" Alexa hatte schon auf dem Weg zur Bank vergeblich nach Umkleidekabinen Ausschau gehalten. Zwar waren diverse Türen an dem Flachbau zu sehen gewesen, aber die einzige, die die Beschriftung "Damen" trug, war die Toilette gewesen.

Lachend deutete Paul auf eine kleine, runde Plastikbehausung mit einem Vorhang an einer Seite, welche einer Litfasssäule ähnelte. Alexa zog ihren Badeanzug aus der Tasche und verschwand in Richtung Fliegenpilz. Das Dach war mit weißen Punkten auf rotem Untergrund bemalt.

 

Ein paar Minuten später saßen sie gemeinsam auf der Bank. Alexa hatte die Beine weit von sich gestreckt und schaute sich um. Es war eine andere Welt hier. Alles was modern und wichtig war, hatte hier keinen Einzug gefunden. Hier schien alles noch so zu sein, wie am Tag der Eröffnung. Fast alles! Hier und da hatten die Neuerungen der Technik Spuren hinterlassen, aber eben immer auf das Notwendigste begrenzt. Alexa bemerkte wie diese andere Welt sie vereinnahmte und gab sich dem Gefühl einfach hin. Es war schön für sie. Ruhig und entspannend.

"Es gibt heute keinen Braten und Knödel." Sie schreckte auf und wurde aus ihren Träumen gerissen. Die eifrigen Schwimmer von eben zogen noch genauso ausdauernd ihre Bahnen und es schien, als seien es sogar mehr geworden.

"Gut, dann müssen wir uns eben Platz schaffen." Sie rappelte sich auf, tippte mit ihrer Hand auf seinen Oberschenkel und trieb ihn an: "Komm - es geht los!"

Nebeneinander schlenderten die beiden zum Beckenrand. Getreu ihrem Motto: "Sofort oder gar nicht", drehte Alexa die Dusche auf und unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei. Das mussten Eiswürfel und keine Wassertropfen sein. Ohne weiter nachzudenken, rannte sie zur Treppe und sprang  kopfüber ins Wasser. Tauchend machte sie ein paar Schwimmzüge und schoss dann mit dem Kopf voran wieder an die Oberfläche. Die Haare aus dem Gesicht streichend, suchte sie den Rand ab. War Paul schon im Wasser? Er war! Plötzlich erfassten sie die Tentakel eines mächtigen Kraken und nahmen sie gefangen.

"Bitte, bitte nicht untertauchen", flehte sie.

"Nein, nie!" Der Krake konnte sprechen - und lügen.

Schon schloss sich das Wasser über Alexa und das Ungetüm zog sie in die Tiefen des hellblau getünchten Beckens. Wild kämpfend befreite sich Alexa  und tauchte prustend auf. Sie blinzelte in die Sonne und erkannte Paul direkt vor sich. "Warte nur, dich kriege ich." Ehe sie sich auf ihn stürzen konnte, kam ihr Paul zuvor: "Du hast mich schon." Er zog sie an sich und küsste sie auf den Mund.

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